Interview mit Neuform CEO & Co-Founder Jonas Haring 1/2: Der chinesische Markt

Für diesen Artikel haben wir uns mit Jonas Haring, dem CEO von Neuform, zum Thema Beschaffung in China unterhalten. Der erste Teil dreht sich um die Situation in China im Allgemeinen, was auf dem Markt geschieht und wie man als Einkäufer dort einsteigen kann. Im nächste Woche erscheinenden zweiten Teil werden wir dann das Thema Qualitätssicherung genauer unter die Lupe nehmen. 

  1. Wie unterscheiden sich der deutsche und der chinesische Markt aus der Perspektive eines Einkäufers? Wie sieht es mit der Fertigungsqualität aus? 

    Kurz gesagt: China hat alles. Deutschland bietet in der Industrie extrem hohe Qualität zu hohen Preisen. In China bekommt man auch im Jahr 2019 vom Garagenbetrieb mit altem Elektrodenschweißgerät bis zu Megafertigern mit über 100 CNC Maschinen und eigener Qualitätssicherung alles geboten. Der Preis ist dabei natürlich immer deutlich unter dem in Deutschland. Diese Auswahl kann überfordernd wirken, aber wenn man erstmal Kontakt zu zuverlässigen Fertigern mit hohen Qualitätsstandards aufgebaut hat, lernt man ihre Vorteile zu schätzen.

  2. Was hat sich in den letzten 5-10 Jahren verändert in der Fabriklandschaft Chinas ?  

    Die Lohnkosten sind gestiegen! Das fällt einem Deutschen Einkäufer vielleicht nicht sofort auf, weil die Preise immer noch weit unterhalb derer bei uns liegen, doch sie haben in der Tat deutlich zugelegt. Dafür sind die Fabriken größer und professioneller geworden, haben ein vernünftiges Prozessmanagement und moderne CNC-Maschinen. Auch die Qualifizierung des Personals hat sich gebessert. Heutzutage studieren viel mehr Chinesen als früher und die Ausbildungsverfahren werden standardisierter. Durch all diese Entwicklungen ist die Qualität gestiegen, die man heute in China bekommen kann und rechtfertigt auch die steigenden Preise. 

  3. Bietet China abseits von niedrigeren Preisen noch weitere Vorteile für die Fertigung? 

    Ja, auf jeden Fall. Zum einen hat China den Vorteil, dass der Großteil der Lieferanten für Fräs- und Drehteile und Blechbearbeitung im Umkreis von 100km um Shenzhen und Guangzhou liegt. Diese Clusterung macht es uns viel einfacher unsere Partnerfabriken zu managen und neue Zulieferer zu qualifizieren. Zudem sind Fabriken in China viel flexibler als in Deutschland. Da die Auslastung meistens nicht bei 100% liegt, können Aufträge schnell produziert werden und es werden auch kleinere Aufträge angenommen, die ein deutscher Lohnfertiger womöglich als unrentabel ablehnen würde. 

     

  4. Wie sind Sie auf die ersten Lieferanten gestoßen? 

    Wir haben für Auswahl von Lieferanten ein Routineverfahren, dass wir von Anfang an genutzt und über die Zeit optimiert haben. Gesucht wird anfangs über Aggregator-Webseiten, wie Alibaba, wo viele chinesische Lohnfertiger ein Profil haben. Danach wird in mehreren Runden erst per E-Mail und telefonisch, zuletzt persönlich selektiert. Wir geben Aufträge nur an Unternehmen, die zuvor unseren Qualifizierungsprozess durchlaufen haben. 

  5. Treten bei der Kommunikation mit chinesischen Lieferanten häufig Probleme auf? 

    Probleme wäre wohl übertrieben, aber sicherlich muss man sich ein wenig umstellen und einen anderen Ton treffen als in Deutschland. Geschäftsgespräche werden normalerweise in Englisch geführt, aber Smalltalk findet auf Chinesisch statt. Dazu kommt, dass die Chefs der Unternehmen normalerweise kein Englisch können und Angestellte haben, die sich mit internationalen Kunden befassen. Wenn man nun aber persönlich, ohne Übersetzer, mit dem Chef plaudern kann, hinterlässt das einen ganz anderen Eindruck. Daher spricht auch jeder unserer deutschen Mitarbeiter in China Mandarin. Generell kann ein gutes persönliches Verhältnis in China sehr, sehr viel bewirken. 

  6. Nach welchen Kriterien werden potenzielle Lieferanten vorsortiert? 

    Einerseits achten wir auf Zertifizierungen und Größe des Unternehmens sowie deren Professionalität sowohl online als auch persönlich. Wichtig ist natürlich auch der Maschinenpark der Fertiger, um zu sehen, ob sie in unser Portfolio passen. Dazu kommen aber auch weiche Kriterien wie die Zuverlässigkeit bei der Kommunikation und unser persönlicher Eindruck der Geschäftsführer. Wir erwarten von unseren Lieferanten, dass sie qualifizierte Ingenieure haben und Probeaufträge ohne weiteres Zutun unsererseits abwickeln können. Bisher hatten wir Erfolg mit dieser Methode. 

Sie haben Interesse an der Fertigung von Bauteilen in China? Kontaktieren Sie gerne unser Team für mehr Informationen oder rufen Sie uns an unter der 030 23326358.